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1. Oktober 2016

Sophi, das Problemkind

An diesem Wochenende erschien ein Artikel im Greifswalder Blitz, in dem wir uns gegen die Gründung eines weiteren WVG-Unternehmens names SOPHI aussprechen. Aufgrund des begrenzten Platzes konnten wir in der Zeitung nur eine gekürzte Version unseres Artikels abdrucken. Hier finden Sie nun die ausführliche Fassung unseres Artikels. Zudem stellen wir Ihnen weitere Informationen rund um dieses Thema zur Verfügung, darunter den Businessplan der SOPHI sowie die Stellungnahmen unterschiedlicher Institutionen.

Die WVG will ein weiteres Tochterunternehmen gründen, einen Sozial- und Pflegedienst mit Namen Sophi. Die Freien Demokraten sagen Nein und lehnen das Projekt entschieden ab.

Man könnte meinen, hinter dem wohlklingenden und beliebten Vornamen Sophi verbirgt sich ein kleines Mädchen. Doch der Eindruck täuscht. Sophi ist der Kunstname für ein kommunales Unternehmen, das die WVG gründen möchte. Das Kürzel steht dabei für die Aufgaben, die das Unternehmen ab Januar 2017 wahrnehmen soll: Sozial-, Pflege- und Hilfsdienstleistungen. Das Unternehmen soll “wohnbegleitende Dienstleistungen einschließlich Unterstützung der Pflegebedürftigen als ganzheitlicher Dienst am Menschen erbringen”, heißt es zum Zweck der Gesellschaft. Was dies konkret bedeutet:

Geplante Tätigkeiten von Sophi

… im Bereich des Sozialen:

  • Kurierfahrten für den WVG-Konzern durchführen
  • Fahr- und Botendienste für Pflegebedürftige vermitteln
  • bei Problemen zwischen Mietern schlichten
  • ein Stadtteilcafé in der Pflegeeinrichtung betreiben
  • Räume für ehrenamtliches Arbeiten zur Verfügung stellen
  • Mietschuldner beraten
  • Umzugsservice vermitteln
  • Wohnungen bei Abwesenheit betreuen
  • bei Reinigung der Wohnung und beim Einkauf unterstützen

… im Bereich der Pflege:

  • Dienstleistungen von ambulanter Pflege bis Betreutem Wohnen anbieten
  • späteres Angebot von stationärer Pflege möglich
  • Pflegebedürftige betreuen (§45 SGB XI)
  • Kurse zur Gesundheitsvorsorge vermitteln
  • bei der Beschaffung von Pflegehilfsmitteln unterstützen
  • bei der Beantragung weiterer Leistungen unterstützen

Warum will die WVG ein weiteres Unternehmen gründen?

Erstens: Die WVG möchte, dass ihre Wohnungen attraktive Mietobjekte bleiben. Eine gute soziale Infrastruktur in den Wohnquartieren trägt dazu bei. Deshalb besteht eine Aufgabe von Sophi darin, soziale Dienstleistungen für die Mieter zu erbringen. Darunter versteht die WVG aber nicht, zusätzliche oder günstigere Angebote zu schaffen. Vielmehr soll Sophi nur bereits bestehende Leistungen anderer Vereine und Unternehmen zusammenführen. Sophi vermittelt als Netzwerkpartner vor allem die Angebote anderer Akteure. Bei den wenigen Leistungen, die Sophi selbst erbringen soll, handelt es sich in der Regel um solche, welche die WVG bereits jetzt anbietet. Oder es sind Leistungen, die den WVG-Pflegedienst interessanter machen sollen, also im wirtschaftlichen Interesse der WVG liegen. Der soziale Mehrwert von Sophi ist entsprechend gering.

Zweitens: Die WVG möchte, dass ihre Mieter möglichst lange in ihren eigenen Wohnungen leben können. Das hat nicht nur soziale Gründe. Jeder Mieterwechsel kostet die WVG durchschnittlich 3.000 Euro. Das neue WVG-Unternehmen soll einen Sozialdienst mit einem Pflegedienst kombinieren und dadurch gewährleisten, dass die Mieter umfassend beraten und versorgt werden können. Auf diese Weise, so hofft die WVG, können die Menschen länger in ihren Wohnungen bleiben. Doch was ist daran neu? Schon lange bieten Pflegedienste ambulante Pflege auch in den Wohnungen der WVG an. Die privaten Pflegedienste waren und sind fachkundige Partner, wenn es zum Beispiel darum geht, die Pflegesituation der Bewohner durch eine Anpassung des Wohnraums zu verbessern. Sie beraten kompetent zu allen Fragen rund um die Pflegeversicherung, die Krankenversicherung und weit darüber hinaus. Das Konzept der WVG bietet nichts, was nicht schon vorhanden wäre.

Drittens: Die WVG möchte, dass auch in Zukunft alle Pflegebedürftigen versorgt werden können. Die Prognosen sagen Greifswald eine steigende Einwohnerzahl und eine älter werdende Bevölkerung voraus. Ein Pflegegutachten kommt zu dem Schluss, dass die Zahl an Pflegebedürftigen in Greifswald von derzeit 2.290 auf etwa 2.870 im Jahr 2025 zunehmen wird. Die WVG will daher einen eigenen Pflegedienst gründen. Sie unterstellt, dass der zukünftige Bedarf durch die bisherigen Pflegedienste nicht gedeckt werden kann. Woher die WVG diese Erkenntnis hat, bleibt ihr Geheimnis. In Greifswald gibt es derzeit 16 Pflegedienste, sowohl private Anbieter als auch jene der Freien Wohlfahrtspflege. Zählt man die Pflegedienste des Umlandes hinzu, sind es sogar 35 Anbieter. In den letzten 25 Jahren gab es zu keinem Zeitpunkt die Situation, dass Pflegebedürftige keinen Pflegedienst finden konnten. Die Kapazitäten wurden stets den Bedürfnissen angepasst. Während bundesweit lediglich 19% aller ambulanten Pflegedienste auch betreute Wohneinheiten betreiben, sind es in Greifswald 100%. Es gibt also eine ausreichende Anzahl verschiedener ambulanter Pflegedienste, die zudem investitionsfreudig waren und es auch gegenwärtig sind. Die Kapazität der bestehenden Pflegedienste wird auch in absehbarer Zeit und unter Berücksichtigung der demographischen Entwicklung ausreichen.

Warum sollten wir auf Sophi verzichten?

Erstens. Mit der Gründung von Sophi betritt die WVG unternehmerisches Neuland. Das ist mit Risiken verbunden. Ihr Kerngeschäft ist das Bauen und Betreiben von Mietobjekten. Hier liegen ihre Kompetenzen. Während andere öffentliche Einrichtungen wie die Stadtwerke oder die Universitätsmedizin ihre Aufgaben fokussieren und ihre Strukturen straffen, will die WVG ein weiteres Unternehmen gründen und in der Pflegebranche tätig werden. Pflegebedürftige und Stahlbeton haben nichts gemeinsam. Der eine Bereich funktioniert gänzlich anders als der andere. Unzureichende Kenntnisse führen aber zu fehlerhaften Annahmen und falschem Verhalten. Die falschen Aussagen der WVG zur „Servicepauschale“ sind ein gutes Beispiel hierfür. Auch das Urteil der IHK zum Businessplan von Sophi ist vielsagend: „Eine Verdreifachung der Umsatzerlöse nach einem Jahr ist selbst vor dem Hintergrund einer stark ansteigenden Zahl von Kunden sehr optimistisch angesetzt.“

Zweitens. Pflegefachkräfte in Deutschland sind rar. In Mecklenburg-Vorpommern zeigt sich dies besonders deutlich. Dies liegt auch an der schlechten Vergütung durch die Leistungsträger im Vergleich zu beispielsweise Hamburg oder Niedersachsen. Es wird daher auch künftig schwer fallen, neue Fachkräfte in unserer Region zu finden. Der WVG-Pflegedienst wird zwangsläufig Personal bei anderen Pflegediensten abwerben müssen, um den Mindestanforderungen beim Personalbestand zu genügen. Dies gelingt ihm jedoch nur unter Einsatz erhöhter finanzieller Mittel, um entsprechende Anreize zu schaffen. Die Kosten werden also steigen und bewährte Angebotsstrukturen angegriffen.

Drittens. Aus guten Gründen bestimmt das Landespflegerecht, dass es eine strikte Trennung zwischen der Vermietung von Wohnungen und den Angeboten von Pflegediensten geben muss. Die klare Trennung soll gewährleisten, dass sich Hilfsbedürftige frei für den Pflegedienst entscheiden können, der ihren Bedürfnissen am besten entspricht und der ihr Vertrauen genießt. Mit der Gründung von Sophi wird der WVG-Konzern beides anbieten, Mietwohnungen und Pflegedienste. Wenngleich beide Leistungen formal durch separate Unternehmen angeboten werden, so wird die wichtige Trennung doch bedenklich aufgeweicht. Auch das Innenministerium sieht hierin ein Problem und schrieb der WVG, sie möge sicherstellen, „dass dem Kundenkreis eine Wahlfreiheit für die Inanspruchnahme von Sozial- und Pflegedienstleistungen anderer Träger verbleibt“. Doch wie soll das künftig sichergestellt werden? Können wir wirklich annehmen, dass es keinen „sanften Druck“ durch die WVG geben wird, doch bitte die Pflegedienste von Sophi zu wählen? Immerhin muss Sophi nach eigener Planung innerhalb eines Jahres ihren Umsatz verdreifachen. Und wer will schon Nachteile beim pflegegerechten Umbau seiner Wohnung haben, nur weil man vielleicht den „falschen“ Pflegedienst gewählt hat.

Die Antwort auf die Frage, ob wir Sophi bekommen, wird am 10. Oktober gegeben. Dann entscheidet die Bürgerschaft über den Antrag der WVG, ein weiteres Unternehmen zu gründen. Die wichtigere Frage lautet aber, ob uns Sophi bekommt. Die Antwort darauf kann bereits jetzt gegeben werden. Sie lautet Nein.

Weitere Unterlagen zur Sophi

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